Lebendiger Gottesdienst
Die Gotteshäuser werden immer leerer, weil sich viele Gläubige von den Gottesdiensten in alter Tradition nicht mehr angesprochen fühlen. Warum erreicht sie die traditionelle Liturgie nicht? Ich vermute, es fehlt die Unterstützung, Gott wirklich zu erfahren – stattdessen verlieren sich die Abläufe in formalen Riten und liturgischer Sprache, die für viele heute schwer zugänglich ist. Um uns zu berühren, müssen alle Elemente eines Gottesdienstes auf den Prüfstand und wir bereit sein, gewohnte Formen kritisch zu hinterfragen.
Ein interessanter Gottesdienst ist nah am Leben. Er bietet uns Raum für Stille, Inspiration und Begegnungen. Gebete, Riten und Gesang sind reflektiert. Nichts ist so, weil es schon immer so war. Die Gottesdienstbesucher dürfen aktiv teilnehmen, sich einbringen und mitgestalten. Das unterstreicht unseren gemeinsamen Geist. Der Gottesdienstraum selbst ist einladend gestaltet, mit flexiblen Sitzgelegenheiten und einer Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt.
Inhalt
Konventionelle Liturgie
Ich versuche, exemplarisch einen Gottesdienstablauf zu skizzieren, der sich an die konventionelle Liturgie anlehnt, dabei jedoch lebendig wirken soll. Ziel ist es, eine Form zu finden, die für alle Gläubigen mit offenem Herzen mitvollziehbar ist. Dabei mache ich bewusst keinen Unterschied zwischen Wortgottesdienst und Eucharistiefeier, denn für Jesus gab es solche Unterschiede auch nicht. Sprechen wir also lieber von einer „Feier des Lebens“. Wenn ich vom Priester spreche, meine ich damit die leitende Person des Gottesdienstes – unabhängig davon, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, geweiht oder nicht. Also, liebe Priesterinnen, Ihr seid selbstverständlich auch gemeint.
Die heilige Messe, wie ich sie mir wünsche, braucht Inhalte, die ich verstehen und mittragen kann, die mich berühren. Vor allem müssen die Inhalte Bestätigung im Alltag finden. Deshalb sind mir kirchliche Vorgaben und die theologische Sicht auf den Ablauf nachrangig.
Eröffnung:
Die Gläubigen sitzen im Kreis um den Altar herum. Der Gottesdienstleiter und die Teilnehmer auf gleicher Ebene. Das ist keine Nebensache. Es verdeutlicht, dass wir alle gleich sind. So beginnt echte Gemeinschaft. Der Priester kann feierlich einziehen oder schlicht unter den Gläubigen Platz nehmen. Letzteres am besten einige Minuten vor dem Gottesdienst. In dieser Zeit sammeln wir uns bei meditativen Klängen z.B. eines Cello oder einer zurückhaltenden Orgelpfeife, die sanft den Raum und unsere Herzen erfüllt.
Zu Beginn gibt der Priester einen Impuls, der das Thema des Gottesdienstes vorgibt. Diese Gedanken sind möglichst aktuell und sprechen jeden Einzelnen an – mit Fragen, gerne auch provokativ und herausfordernd. Wir stimmen uns in Stille auf die gemeinschaftliche Feier des Lebens ein und reflektieren, weiter bei meditativen Klängen, über den Impuls.
Lasst uns beten:
Im Gebet bringen wir unsere Dankbarkeit und Verbundenheit gegenüber der Schöpfung und unserem unmittelbaren Umfeld zum Ausdruck, wobei wir uns auf den Impuls beziehen. An dieser Stelle ist eine gute Gelegenheit, drei oder vier Gottesdienst-Teilnehmer ihre Gedanken ausdrücken zu lassen. Dabei können wir auch auf Gemeindemitglieder in Notsituationen eingehen und sie in Verbundenheit in unsere Feier einschließen. Das Messbuch bleibt jedenfalls in der Sakristei! Auch die weiteren Gebete im Verlauf des Gottesdienstes sind keine Bitten, sondern Ausdruck von Dankbarkeit und Verbundenheit. Die Lesung übernimmt ein Gemeindemitglied. Anschließend kann derjenige, sofern vorbereitet, in wenigen Sätzen sagen, was ihn an der Lesung anspricht oder welche Fragen sich daraus ergeben.
Das Gloria:
Der Lobpreis beginnt mit einem gemeinsamen Lied – mit Bedacht gewählt – die Texte nicht verklärt oder abgehoben in den Himmel, sondern Gott in Gemeinschaft freudig umarmend.
Das Evangelium muss nicht vom Priester gelesen werden. Das kann gerne jemand aus der Gemeinde übernehmen. Danach haben drei bis vier Teilnehmer die Möglichkeit, zu beschreiben, was ihnen der aktuelle Text sagt, wie er sie bewegt oder welche Fragen er aufwirft. Der Prediger kann darauf eingehen.
Die Predigt:
Die Predigt muss nicht zwangsläufig der Priester halten. Das kann auch ein Gottesdienstbesucher übernehmen, sofern sich jemand findet. Es kann auch ein Predigtgespräch sein oder ein gut moderiertes Gespräch in kleiner Runde. In jedem Fall ist die Predigt lebensnah und alltagstauglich. Das heißt, der Prediger überträgt das Thema des Impulses, die Lesung oder des Evangeliums in unseren Alltag, nicht ins heilige Nirwana. Das ist entscheidend!
Wie wäre es mit einer Alternative zur Predigt? Der Priester gibt einen Gedanken oder eine Frage vor. Die könnte sich auch auf das Evangelium beziehen. Dann folgen zehn bis fünfzehn Minuten Kontemplation, gespeist mit maximal drei bis vier Gedanken zum Thema aus dem Kreis der Gottesdienstbesucher. Der Verlauf ist schwer vorauszusagen. Aber der Versuch verspricht Lebendigkeit.
Segnung und Mahlfeier:
In der Nacht, in der er verraten wurde… mit dem sicheren Tod vor Augen, lud Jesus seine Freunde ein und feierte Agape mit ihnen. Ein beeindruckendes Beispiel für unseren Umgang mit dem Tod! Wir stehen rund um den Altar herum und sind aktiv beteiligt. Wir segnen GEMEINSAM Brot und Wein, feiern gemeinsam Communio. Dass es sich dabei um einen symbolischen Akt handelt, tut der Bedeutung keinen Abbruch – im Gegenteil. Anstelle von „Leib Christi“ bzw. „Blut Christi“ genügt ein freundlicher Blick oder ein aussagekräftiges Stichwort aus der Predigt. Übrigens darf das Brot gerne auch schmecken, also gesalzen sein.
Dank und Segen:
Nach einem frohen Danklied und einem kurzen Schlussgedanken für die kommende Woche spenden wir uns gegenseitig den Segen, jeder für die ganze Gemeinschaft. Das beflügelt uns und so können wir den Frieden mitnehmen, in den Alltag hinaustragen in die Familie, zu Freunden und Nachbarn, an den Arbeitsplatz. Unsere Mitmenschen werden diesen Frieden spüren. Er ist ansteckend.
Alternative Gottedienstformen
Manchmal hat Tradition ihre Berechtigung. Aber oft verhindern die Kleriker Innovation mit dem Hinweis auf Tradition. Für mich ist es bedeutungslos, ob Eucharistie oder Wortgottesdienst. Auf den Geist kommt es an. Wortgottesdienste unterliegen keinen strengen Vorschriften. Machen wir uns also frei vom engen Denken in traditioneller Vorstellung. Reflektieren wir Gebete, Riten und Gesten, und öffnen uns für neue, bereichernde Formen:
• Agapefeier
In der Frühkirche war das „Liebesmahl“ weit verbreitet. Es kann im liturgischen Rahmen eines Gottesdienstes integriert oder Schwerpunkt einer Andacht sein.
• Themengottesdienst
Ein Gottesdienst mit ausgeprägter Gesprächskultur. Ein Auszug aus dem Evangelium, eine kurze Predigt und ein offenes Mikrofon, bei dem sich jede/-r einbringen kann. Stille – Gesang – gemeinschaftlicher Segen.
• Bibliolog
Schwerpunkt in einer Andacht in kleiner Gesprächsrunde könnte die Erörterung und Vertiefung eines Themas aus der Bibel sein.
Experimentell und kreativ:
Hier einige kreativ experimentelle Möglichkeiten für die Gestaltung eines christlichen Gottesdienstes, der Menschen einbezieht, neugierig macht und gerne auch aufrüttelt – jenseits traditioneller Formen, Lehre und liturgischer Vorgaben:
Gottesdienst als sinnliche Erfahrung
Alternativer Ort: Kein Kirchenraum, sondern ein leerer Industriekomplex, ein Zirkuszelt, ein Park bei Sonnenuntergang, eine alte Scheune. Erfahrung von Dunkelheit, Duft, Klang und Geist (Bewegte Projektionskunst mit Bibeltextfragmenten, Zitaten, Fragen). Unterschiedliche Schwerpunkte sprechen verschiedene Sinne an.
Interaktives Theater
Die Teilnehmer sind Teil einer biblisch inspirierten Geschichte, z. B. Exodus, Gleichnisse oder die Emmaus-Erzählung. Ein Live-Rollenspiel ohne Zuschauer, nur Mitwirkende: Jeder bekommt eine Rolle oder Aufgabe. Fragen: Wo würdest du stehen? Wem glaubst du? Wovor hast du Angst? Abschließendes Gespräch.
Zufallsaufgaben
Es gibt 100 Umschläge, Karten, QR-Codes, Audio-Snippets, die im Raum verteilt sind. Jeder entdeckt selbst: eine Mini-Predigt, eine Aufgabe (z. B. jemandem vergeben), ein Bibelvers, ein Rätsel, ein Fremder, mit dem man das Gespräch suchen soll. Nach dem Durchlaufen ist man selbst Teil eines großen Ganzen, das mit Gespräch über Erfahrungen und Besinnung abschließt.
„Fragezeichen-Gottesdienst“
Keine Antworten, nur Fragen. Projektionsshow mit unbequemen, ehrlichen Fragen zu Gott, Leid, Zweifel. Raum der Stille, Gebetswand. Ohne Gespräch. Die Fragen dürfen wirken – und beim nächsten Gottesdienst besprochen und vielleicht auch aufgelöst werden.
Eine Reise ins „Heilige Jetzt“
Ein Erlebnisgottesdienst: Gott nicht nur hören, sondern fühlen, riechen, sehen, spüren – durch eine atmosphärisch dichte, nonverbale und körperlich erfahrbare Feier in einem begehbaren, freien, kontemplativen Raum (alter Industriebau, Gewächshaus, leerstehende Kirche, Zelt oder Naturhalle, Park oder Garten).
Raumgestaltung in Zonen:
Eingangszone – „Loslassen“. Leise Klangfläche, z. B. Herzschlag oder Windrauschen. Jede/-r schreibt symbolisch ein Stichwort für seine größte Sorge auf einen Zettel, zerknüllt ihn und wirft ihn in eine Sorgenbox. Das Symbol: „Ich lasse etwas los.“ Zitat-Projektionen an der Wand, z.B. „Komm näher, nicht weiter. Leg ab, nicht auf….“
Klangraum – „Hören“. Ein dunkler Raum mit leichten Lichtimpulsen. Meditative Musik, eingestreute Bibelfragmente („Wo bist du, Mensch?“ – „Fürchte dich nicht!“) Große Klangschalen oder Waterdrums stehen bereit – jede/-r darf Töne erzeugen.
Duft- und Dunkelraum – „Vertrauen“. Völlige Dunkelheit mit aromatischen Impulsen (Myrrhe, Moos, Zedernholz). Menschen auf Stühlen oder Sitzkissen. Meditative Audiospur mit poetischer Sprache und Versen, gemischt mit passender, sehr leiser Musik. Ausbaufähig: Eine Aufgabe im Dunkeln erledigen oder Kuchen essen.
Zentrum. In der Mitte des Raumes: ein sammelndes Symbol – leuchtend, ruhig, kraftvoll. Stille Musik (z. B. Streicher, sphärische Stimmen oder Musik-Improvisation mit Live-Violine, Hang Drum). Möglichkeit, eine Kerze zu entzünden. Schriftzug in der Luft (Projektor/Laserschnitt) z.B. „Ich bin da.“
Segensgang – „Weitergehen“. Ausgangsweg durch einen Laubgang oder einen Kreis aus Menschen. Jede/-r erhält eine kleine Karte mit einem Segen, der durch Zufall verteilt wird (z. B. „Du bist gehalten“, „Du bist Licht für andere…“). Letztes Duftmodul (z. B. frische Minze, Lavendel) symbolisiert Aufbruch.
Begleitoptionen: QR-Codes zu Musik, Impulsen und Texten zum Mitnehmen. Kreativstation am Rand: Schreiben, Zeichnen, Legen mit Naturmaterialien. Möglichkeit für seelsorgerliches Gespräch oder Segensritual. Denkbar auch als Advents- oder Osternacht-Special
Kontemplativer Gottesdienst
Der kontemplative Gottesdienst liegt mir besonders am Herzen. Aber allgemein fehlt mir diese Wahlmöglichkeit im Angebot christlicher Gemeinschaften. Das empfinde ich als bedauerlich und sehe darin eine verpasste Chance für die spirituelle Vielfalt im Christentum.
Der Priester begleitet die Gläubigen während der Kontemplation mit inspirierenden oder besinnlichen Worten in eine Zeit der Stille und Reflexion. Dies kann in mehreren Sequenzen aus Wort und Schweigen geschehen oder in einer längeren Phase der Stille nach einer kurzen thematischen Einführung. Auch Bilder können als Impuls für die Kontemplation dienen.
Die Gestaltung des Gottesdienstes oder der Andacht hängt dabei eng mit dem Ort zusammen: In der Kirche kann meditative Musik, etwa von der Orgel oder einem anderen Instrument, die Besinnung vertiefen. Kleinere Gruppen finden sich in einem ruhigen Raum des Gemeindehauses zusammen. Besonders schätze ich die Kontemplation in der Natur – z.B. eine Schweigewanderung. Nach einer kurzen Einführung durch Worte folgt ein langsames, bewusstes Gehen. Den Abschluss kann ein gemeinsames Gespräch oder ein nachdenklicher Text zum Thema bilden.
Ein Gottesdienst sollte getragen sein von der Gemeinschaft. Nur, wenn der Priester die Gläubigen berührt, kann der gemeinsame Geist spürbar werden. So entsteht Begeisterung, die uns trägt und andere beflügelt.
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