Glück

Glück – ein universelles Verlangen, doch schwer zu fassen. Seit jeher versuchen Philosophen, Dichter und Forscher seinem Wesen auf den Grund zu gehen. Ist Glück ein Augenblick der Euphorie, ein Zustand innerer Ruhe oder einfach Zufriedenheit? Nähern wir uns dem Phänomen aus verschiedenen Blickwinkeln.

Glück – mehr als äußere Umstände

Glück liegt nicht in der Erinnerung an gestern oder in Plänen für morgen – es zeigt sich im Jetzt. Wer im Moment lebt, achtsam ist und das Kleine schätzt, findet leichter Zufriedenheit. Und Glück wird mehr, wenn wir es teilen. Freude, die wir weitergeben, bereichert nicht nur andere – sie kehrt zu uns zurück.
Oft wird Glück mit äußerem Erfolg, Reichtum oder erfüllten Beziehungen gleichgesetzt. Wir wissen aber: Wahres Glück kommt aus dem Inneren – aus Dankbarkeit, Selbstakzeptanz und dem Gefühl von Lebenssinn. Wer sich nur an materiellen Zielen orientiert, läuft Gefahr, sich selbst zu verlieren. Glück ist kein Produkt äußerer Erfolge, sondern Ausdruck innerer Haltung. Die Illusion, dass „mehr“ glücklicher macht, hält sich hartnäckig. Doch echtes Glück beginnt genau dort, wo diese Illusion zerbricht.

Frei wie ein Vogel?

Beim Beobachten von Vögeln wird deutlich, was es heißen könnte, wirklich frei zu sein. Sie brauchen nichts. Die Schöpfung hat Ihnen alles gegeben: Ein wunderschönes Kleid, das ihnen steht und sie vor Nässe, Hitze und Kälte schützt. Sie brauchen weder Kunstfasern noch irgendwelche Mode. Sie finden auch ohne GPS wieder nach Hause und schaffen das sogar aus eigener Kraft. Vögel machen sich keine Sorgen um ihre Zukunft. Sie sammeln oder jagen ihre Nahrung, bauen ihre Häuser aus Naturmaterialien und machen nicht einmal Schulden dabei. Vögel brauchen keine Therapeuten, keinen Strom und keine Handys. Sie leben im Einklang mit der Natur, sorgenfrei, im Moment. Ohne Besitz, ohne Pläne, ohne Ängste. Können Tiere glücklicher sein als wir? Vielleicht – weil ihre Wünsche kleiner, ihre Erwartungen gleich Null sind.
Wir Menschen hingegen verkomplizieren unser Leben. Unsere Fähigkeit zu denken wird zur Last, wenn sie ins Grübeln, Sorgen und in endlose Wünsche ausartet. Wir zerstören Lebensräume – auch unseren eigenen – aus dem Glauben heraus, dass Glück planbar sei.

Der Weg zu einem erfüllten Leben

„Jeder ist seines Glückes Schmied“, sagt ein altes Sprichwort. Trotz unterschiedlicher Startbedingungen bleibt ein Spielraum – und damit Verantwortung – für unser Lebensgefühl. Glück ist flüchtig, Zufriedenheit hingegen beständig. Sie entsteht nicht aus perfekten Umständen, sondern aus einer dankbaren Haltung dem Leben gegenüber. Warum nutzen wir unser Denkvermögen nicht stärker, um das Gute bewusster wahrzunehmen? Vielleicht braucht es in unserer Überflussgesellschaft tatsächlich mehr, um Glück als solches zu empfinden.
Dankbarkeit, Gelassenheit und die Bereitschaft, das Leben zu nehmen, wie es kommt – das sind Schlüssel zur Seelenruhe. Doch wir haben uns so sehr an Komfort gewöhnt, dass wir oft vergessen, wie viel Grund zur Dankbarkeit wir haben: Familie, Gesundheit, Freiheit, Nahrung, Sicherheit.

Dankbarkeit braucht Demut. Wer das Leben annimmt, statt gegen es zu kämpfen, wird entlastet. Wer ständig versucht, alle Risiken auszuschalten, verpasst das Leben selbst. Auch das oft beschworene „Kämpfen gegen eine Krankheit“ darf in diesem Licht hinterfragt werden. In vielen Fällen mag das Ankämpfen hilfreich sein, doch manches lässt sich nicht bezwingen, sondern nur annehmen und loslassen – auch das kann heilsam sein.

Loslassen – schwer, aber heilsam

Loslassen ist für mich der schwierigste Schritt. Unsere Sehnsucht nach Sicherheit, Kontrolle und die ständige Reizüberflutung entfernt uns von unserem innersten Wesen. Wer sich auf das Wesentliche besinnt, meditiert, reflektiert und Ballast abwirft, gewinnt Leichtigkeit.

Es geht darum, uns vom Ego zu lösen, es geschehen lassen, „Let it be!“ Das Ergebnis ist nach einhelliger Lehre der großen Meister Gleichmut, Gelassenheit, Seelenruhe, Freiheit von Emotionen. Alles „Weltliche“ fällt ab, der Blick wird klar. Meister Eckart bringt es so auf den Punkt: „Wenn die ganze Welt abfällt von der Seele, dann kommt die Seele zur Ruhe.“ Bei einem mehrwöchigen Segeltörn über den Atlantik, frei von jeder Ablenkung, konnte ich eine Ahnung davon bekommen, was das bedeutet. Ein überwältigendes Gefühl, sich selbst so nahe zu sein.

Das Loslassen von Kontrolle. Oft halten wir krampfhaft an der Vorstellung fest, dass wir die Kontrolle über Dinge, Geschehnisse und unsere Lebensumstände haben müssen, um Sicherheit und Zufriedenheit zu erlangen. Doch das führt leicht zu Stress, Angst und Frustration, wenn das Leben nicht so verläuft, wie wir es planen. Das Loslassen von Kontrolle bedeutet, Vertrauen in uns selbst und das Leben zu haben und es ge­lassen auf uns zukommen zu lassen. Nur dann sind wir empfänglich für Neues, das vielleicht außer­halb unseres Denkhorizonts liegt.

Loslassen von Macht. Macht und Kontrolle sind eng verwoben. Macht ermöglicht Gestaltung, egal ob in der Politik, im Unternehmen, in der Kirche oder im privaten Leben. Auch bei besten Absichten sind die Kontrollfreaks meist nicht die besseren Lenker. Im negativen Sinn kann Macht uns auch dazu verleiten, andere zu dominieren oder zu manipulieren. Das Loslassen von Macht ermöglicht uns, anderen auf Augenhöhe zu begegnen und authentische Beziehungen aufzubauen.

Emotionen loslassen. Manchmal halten wir an negativen Emotionen wie Wut, Angst oder Trauer fest und das hindert uns daran, im gegenwärtigen Moment zu leben. Das bedeutet nicht, Gefühle zu unterdrücken oder zu leugnen, sondern sie anzuerkennen, zu akzeptieren und dann los­zulassen, um Platz für Positives zu schaffen. Soweit die Theorie. In der Praxis ist mein Weg dorthin noch weit…

Verantwortung loslassen. Verantwortung ist auch Macht im positiven Sinne und da­mit gilt hier Ähnliches wie für die Kontrolle. Wir müssen erkennen, dass wir nicht für alles im Leben verantwort­lich sein können. Das setzt jedoch die Fähigkeit voraus, Menschen zu vertrauen und zu akzeptieren, dass andere Ent­scheidungsträger auch andere Lösungsansätze und Arbeitsmethoden haben. Es schließt auch die Ak­zeptanz möglicher Fehlentscheidungen ein.

Loslassen von Wünschen, Begierden und Süchten. Die Erfüllung unserer Wünsche führt nicht zu einem glücklicheren Dasein, allenfalls ist es eine kurze Befriedigung. Das dürfte jeder schon selbst erfahren haben. Unsere Wünsche wachsen nämlich mit unserem Lebensstandard. Aus Erzählungen meiner Eltern und Großeltern weiß ich, dass sie selbst während der Kriegsjahre und in der Zeit danach, als es nur ums Überleben ging, auch wirklich Glück empfinden konnten. Der soziale Zusammenhalt, Freundschaften, Hilfsbereitschaft waren die wirklichen „Glücksbrin­ger“.

Das Glück liegt in der Beschränkung“, lehrten schon die alten Meister – eine Weisheit, die heute aktueller ist denn je. Wer auf Überflüssiges verzichten kann, lebt aufrichtiger, einfacher und näher bei sich selbst.

Diese Erfahrung wird besonders spürbar in Momenten des Rückzugs: fernab von Ablenkungen wie Handy, Fernsehen oder Konsum. In der Einfachheit wächst das Bewusstsein dafür, was wirklich zählt. Und doch – der Alltag verführt. Kleine Genüsse wie gutes Essen, ein Glas Wein oder Zerstreuung am Bildschirm mögen harmlos erscheinen, doch sie zeigen, wie schwer uns Verzicht oft fällt – selbst wenn wir ahnen, dass Selbstbeschränkung auch Bereicherung bedeuten könnte.

Die Falle der Verfügbarkeit

Unsere moderne Gesellschaft will scheinbar alles: Gesundheit, Sicherheit, Verfügbarkeit. Doch gerade dieser Versuch, das Unverfügbare verfügbar zu machen, hat seinen Preis. Was einst als gegeben galt – Krankheit, Altern, Tod – versuchen wir heute zu kontrollieren. Doch Kontrolle bedeutet nicht automatisch Freiheit. Im Gegenteil: Je mehr wir absichern, desto mehr verliert das Leben an Tiefe, an Echtheit und Spontaneität.

Wir träumen von Abenteuer und sehnen uns nach Ursprünglichkeit, wir abonnieren Landidyll-Zeitschriften – während gleichzeitig Dörfer veröden und die Städte überquellen. Die Sehnsucht bleibt, aber der Mut zur Veränderung fehlt oft. Wir jagen Idealen hinterher, statt mit uns und dem Leben Frieden zu schließen.

Krankheit als Signal

In unserer Kultur ist Krankheit ein Makel, etwas, das schnell beseitigt werden muss. Dabei könnte sie ein wichtiges Signal sein – Ausdruck eines unausgewogenen Lebensstils, ein Ruf zur Umkehr. Stattdessen optimieren wir unablässig – Körper, Gesundheit, Aussehen. Der Markt boomt. Doch je stärker wir gegen das Altern kämpfen, desto größer wird die Entfremdung vom Leben selbst.

Medizinische Fortschritte sind segensreich, keine Frage. Aber nicht alles, was machbar ist, ist auch sinnvoll. Der Wunsch, den Tod um jeden Preis hinauszuzögern, kann uns mitunter den Blick dafür verstellen, dass Würde und Loslassen ebenso Teil des Lebensweges sind. Respekt vor dem Leben schließt die Akzeptanz seines Endes ein.

Achtsamkeit als Gegenentwurf

Was können wir tun? Achtsamkeit ist der Schlüsselbegriff. Nicht als Trend, sondern als Haltung. Wer achtsam lebt, entkommt der EGO-Falle. Er lebt nicht im Haben, sondern im Sein. Nicht im Gestern oder Morgen, sondern im Jetzt.
Glück ist also weder garantiert noch dauerhaft, aber erreichbar – in der Einfachheit, im Loslassen, in der Dankbarkeit, im Hier und Jetzt. Wir müssen es nicht machen, sondern wiederentdecken.

Für manche liegt die Idee nahe, um Glück und Erkenntnis zu beten. Wie viel müsste ich dann für fünfhundert Gramm Glück oder eine mittelgroße Erkenntnis beten? Ich verhehle meine Skepsis nicht: Zum Gebet habe ich eine andere Einstellung als die Amtskirche.

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