Die Evangelien

EvangeliumDie Evangelien, die ersten vier Bücher des Neuen Testaments der Bibel, erzählen die Lebensgeschichte von Jesus Christus, seine Lehren, sein Wirken und seinen Tod. Die Weisheit der Evangelien ist unumstritten. Es gibt jedoch auch umstrittene Passagen bzw. solche, die nur mit phantasievoller Interpretation als weise Botschaft taugen. Wie glaubwürdig sind die Evangelien angesichts zahlreich möglicher Fehlerquellen?

mögliche Fehlerquellen

Zeitversetzte Verfassung

Ein grundlegendes Problem bei der Interpretation der Evangelien ist ihre zeitversetzte Verfassung. Die Evangelien wurden nicht sofort nach den Ereignissen geschrieben, sondern etwa 60 bis 100 Jahre nach Christi Geburt. Dies bedeutet, dass sie nicht nur aus erster Hand berichten, sondern auf mündlichen Überlieferungen, schriftlichen Quellen anderer Verfasser und nur zum kleinen Teil auf den Erinnerungen der Autoren basieren. Diese zeitliche Distanz kann zu Verzerrungen oder Veränderungen der ursprünglichen Ereignisse führen.

Patriarchale Gesellschaft

Zu Zeiten Jesu hatten die Frauen kaum Rechte. Sie hatten den Männern zu dienen und zu gehorchen. In weiten Teilen des öffentlichen Lebens waren Frauen ausgeschlossen. Sie wurden nicht beachtet, z.B. als Zeugen vor Gericht nicht zugelassen. Frauen hatten im allgemeinen kaum Zugang zu Bildung, weshalb das Schreiben (auch der Evangelien) ausschließlich den Männern vorbehalten blieb. Frauen hätten sicherlich sehr viel anders geschrieben.

Nun stellt Jesus plötzlich das Frauenbild in Frage. Er zeigt sich in der Öffentlichkeit mit Frauen und spricht sie sogar an. Das war zu damaliger Zeit eine Ungeheuerlichkeit! Jesu besonders enge Beziehung zu Maria Magdalena ist unbestritten. Dass er sie und weitere Frauen zu seinem Jüngerkreis berief, wird verschwiegen oder nur sehr vorsichtig angedeutet. Das mag daran liegen, dass es auch Jesus nicht schaffte, Jahrtausende alte Gesellschaftsordnungen nachhaltig zu verändern. Die Evangelisten waren Männer und es darf bezweifelt werden, dass sie die Botschaft Jesu zur Stellung der Frau in der Gesellschaft sowie auch als seine Jüngerinnen mutig und authentisch niedergeschrieben haben. Das Geschriebene musste ja halbwegs zum gesellschaftlichen Mainstream passen.

Fälschungen

Frommer Betrug und heilige Lügen für eine „gute Sache“ waren in der Antike verbreitet und galten als legitim. Das dürfte auch für die Evangelien gelten, obwohl bewusste und böswillige Fälschungen seitens der Kirche nicht nachzuweisen sind. Originale Handschriften gibt es nicht. Allerdings gibt es Kopien (von Kopien von Kopien…), um Wunder erweitert, um Heilungen bereichert, nach persönlichem Glauben verändert und dem Zeitgeist angepasst.

Auch in der Obhut der katholischen Kirche wurden die Evangelien an vielen Stellen den kirchlichen Dogmen gebeugt. Einige Textänderungen wurden möglicherweise vorgenommen, um theologische Positionen zu stützen. Fehler und theologische Präferenzen führten zu Abweichungen, z. B. in der lateinischen Vulgata von Hieronymus im 4. Jahrhundert n.Ch.

Übersetzungsfehler

Des Weiteren sind die Evangelien durch Übersetzungen in verschiedene Sprachen und kulturelle Kontexte gegangen. Jede Übersetzung birgt das Potenzial für Fehler oder Interpretationsunterschiede. Während Übersetzer ihr Bestes tun, um den ursprünglichen Sinn der Texte zu bewahren, können sprachliche Nuancen verloren gehen oder falsch verstanden werden, was zu unterschiedlichen Interpretationen führt. Dies ist besonders relevant, wenn es um theologisch komplexe oder mehrdeutige Passagen geht, die Raum für Interpretation lassen.

Auswahl und Ausschluss

Ein weiteres Problem ist die Auswahl und der Ausschluss bestimmter Evangelien in bzw. aus dem Kanon. Obwohl es zahlreiche Evangelien gibt, wurden nur vier – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – in den offiziellen Kanon aufgenommen. Andere Evangelien, wie z.B. das Thomasevangelium oder das Judasevangelium, wurden als apokryphe (verborgene) oder nicht-kanonische Texte betrachtet und aus verschiedenen Gründen abgelehnt. Diese Auswahlentscheidungen wurden von kirchlichen Autoritäten getroffen und waren oft das Ergebnis theologischer Debatten und Kontroversen. Die Frage, warum bestimmte Evangelien ausgewählt wurden und andere nicht, wirft Fragen nach Autorität, Macht und Interpretation auf.

Auslegung

Darüber hinaus sind die Evangelien oft Gegenstand zweifelhafter Auslegungen. Unterschiedliche theologische Traditionen, Konfessionen und Individuen können die Evangelien auf unterschiedliche Weise verstehen und interpretieren. Ein und derselbe Text kann verschiedene Bedeutungen haben, je nachdem, wie er gelesen und welcher ausgelegt wird. Dies kann zu Konflikten, Missverständnissen und sogar Spaltungen innerhalb der christlichen Gemeinschaft führen.

Das Dilemma

Die Kirche steckt in der Zwickmühle: Die Evangelien müssen möglichst authentisch bleiben. Andererseits können wir die Texte nicht wörtlich verstehen. Die Texte an unsere Kultur anzupassen, scheidet aus. Die umständliche, sehr Phantasievolle Interpretation mindert aber ihre Glaubwürdigkeit. Angesichts der vielen Fehlerquellen dürfen und sollten die Evangelien von jedem Leser kritisch geprüft werden. Blinder Glaube kann zu falschen Bildern und damit zu schlimmen Folgerungen führen. Aber wie können wir Laien die Texte überprüfen? Da fällt mir als erstes unsere Seele ein.

Weise Botschaften

Trotz dieser Herausforderungen und Kontroversen bleibt die Bedeutung der Evangelien für das Christentum unbestreitbar. Sie sind die primären Quellen für das Leben und die Lehren von Jesus Christus und haben die christliche Theologie, Ethik und Spiritualität maßgeblich geprägt. Ihr Einfluss erstreckt sich weit über religiöse Kreise hinaus und hat auch die Kunst, Literatur und Musik der westlichen Welt beeinflusst.

In Anbetracht der oben genannten Überlegungen ist es wichtig, die Evangelien mit einem kritischen und reflektierten Geist zu lesen und zu interpretieren. Dies erfordert ein Verständnis für die historischen, kulturellen und sprachlichen Kontexte, in denen sie verfasst wurden, sowie die Bereitschaft, verschiedene Interpretationen und Perspektiven zu berücksichtigen. Durch einen solchen Ansatz können die Evangelien weiterhin eine Quelle der Inspiration, Reflexion und spirituellen Erneuerung für Gläubige und Nicht-Gläubige gleichermaßen sein.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert