Priesterausbildung für die Zukunft

Im Jahr 2100 gibt es in Deutschland keine geweihten Priester mehr. Der Rückgang an Mitgliedern und Geistlichen hat tiefgreifende Veränderungen erzwungen: Zunächst ließ die Katholiken Frauen zum Priesteramt zu, dann wurde der Zölibat abgeschafft.

Ein Blick ins Jahr 2100

Schließlich wurde die Priesterweihe in ihrer bisherigen Form aufgegeben, sodass jeder Theologe mit einer speziellen Zusatzausbildung im hauptamtlich pastoralen Dienst tätig sein kann. Schließlich fusionierten die katholische und die evangelische Kirche, um überhaupt noch eine funktionierende Seelsorgestruktur aufrechterhalten zu können. Der zweijährige, pastorale Grundkurs für Laien sorgte für leichte Entspannung auf dem „pastoralen Arbeitsmarkt“ und ermöglichte wieder einen Ansatz von echter Seelsorge.

Priesterleben im 22. Jahrhundert

Jakob ist einer von rund 70 Theologen in der gesamten Diözese Würzburg, die als Seelsorger/-innen tätig sind. Darunter sind auch viele Pastoralreferenten und einige „altgediente“ Diakone. Persönlicher Kontakt zu den Gläubigen ist auf ein Minimum reduziert. Die praktische Seelsorge wird deshalb hauptsächlich von engagierten, ehrenamtlichen Priester/-innen der Gemeinde geleistet. Für deren Ausbildung sind Jakobs Kollegen zuständig. Nur mit den zahlreichen Ehrenamtlichen sind die Gemeinden lebendig. Das ist auch der Verantwortlichen bewusst, weshalb die Laien weitgehende Freiheit in der Ausübung ihrer Tätigkeit haben und gleichberechtigt mit den Hauptamtlichen Entscheidungen fällen.

Es gibt drei sehr aktive Gemeinden im ganzen Bistum, die mit besonders engagierten Mitgliedern fast vollkommen auf eigenen Beinen stehen. Sie können sich einen eigenen Priester leisten, den sie sich nach einigen Probegottesdiensten und vielen Bewerbungsgesprächen ausgesucht haben. Diese Priester dürfen noch Seelsorger sein – ein Privileg, das sich nur finanzstarke Gemeinden leisten können. Solche „privaten“ Stellen sind unter Theologen beliebt, weil ihre persönliche Einstellung mit der Gemeinde zusammenpasst. Außerdem arbeiten sie mit ihren Gemeinden sehr eng, vertrauensvoll und freundschaftlich zusammen.

Bis 2030 schrumpften die Mitgliederzahlen – aufgrund von Unzufriedenheit, demografischem Wandel und einer zunehmend diversifizierten Gesellschaft. In den Jahren 2030 bis 2060 stabilisierte sich die Statistik. Bis heute (wir sind im Jahr 2100) ist der Trend positiv, mit leichten Zuwächsen der Mitgliederzahlen. Der Nachwuchs, der sich für digitale Seelsorge und kirchliches Management begeistert, ist immer noch rar, aber auch hier ist eine Trendumkehr erkennbar.

In den vergangenen Jahren hat sich die Situation leicht entspannt, weil das Berufsbild des Priesters neu definiert wurde: Seelsorger konzentrieren sich ausschließlich auf die pastorale Arbeit. Organisatorische Aufgaben wie Öffentlichkeits– oder Jugendarbeit, Seniorenbetreuung, Bauunterhalt oder die Leitung angeschlossener Einrichtungen (z.B. Kindergärten) übernehmen inzwischen qualifizierte Fachkräfte im pastoralen Raum. Darunter sind Sozialpädagogen, Psychologen und der neu eingeführte Beruf des Gemeindemanagers. Unterstützt werden sie von engagierten und sachkundigen Laien, die sich dank größerer Freiräume und gesteigerter Wertschätzung motiviert und mit eigenen Ideen in das Gemeindeleben einbringen.

Gerade hat Jakob seine Predigt für den nächsten Sonntag durch eine KI-Software geschickt. Eine sogenannte Pastoralsoftware unterstützt Jakob bei verschiedenen Aufgaben und erledigt Arbeiten in Sekunden, für die früher Stunden nötig waren. Sie erstellt nicht nur Predigten, sondern generiert alternative Liturgieabläufe, vernetzt ehrenamtliche Führungskräfte und unterstützt die Verwaltung der Pfarreien, inklusive Haushaltsplanung und Finanzberatung.

Zurück zur Predigt: Die muss Jakob nun überarbeiten. Da er am Sonntag nur einen Präsenzgottesdienst leitet, lässt er die Predigt für die anderen Gemeinden von einer sympathischen Frauenstimme sprechen – locker, lebendig und mitreißend. Seine Software bietet über zwanzig verschiedene Vorleser und Erzähler zur Auswahl. Die fertige Audiodatei wird mit einer virtuellen Figur verknüpft und in den digitalen Gottesdienst integriert. Das ist auch für jene gedacht, die nicht persönlich anwesend sein können. Ehrenamtliche Gottesdienst-Leiter die Wahl: Sie können Jakobs Predigt auf der Leinwand abspielen oder eigene Gedanken vortragen.

Weniger Seelsorger, mehr Manager

Jakob ist gemeinsam mit fünf Kolleg/-innen für die seelsorgliche Betreuung der südwestlichen Landkreise des Bistums zuständig – soweit man überhaupt noch von Seelsorge sprechen kann. Neben den sogenannten „Seelsorgern“ arbeiten weitere Fachkräfte in Bereichen wie Verwaltung, Schulung und Beratung – jeweils mit klar umrissenen Aufgaben. Einige von ihnen schulen Ehrenamtliche in der Seelsorge und in der Leitung von Gottesdiensten. Andere kümmern sich um pastorale Dienste wie Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Wieder andere übernehmen organisatorische Aufgaben: Sie beraten Kirchenvorstände, moderieren bei Konflikten und unterstützen in der finanziellen Planung – vom Fundraising bis hin zur Kreditberatung.

Manchmal träumen Jakob und seine Frau davon, wie es wohl vor hundert Jahren gewesen sein muss, als jede Pfarrei noch ihren eigenen Pfarrer hatte. Immerhin erhält Jakob positive Rückmeldungen für seine Arbeit. Ein Blick auf die Mitgliederstatistik in seinem Gebiet sagt ihm: „Du machst deinen Job richtig gut“. Und das kann er nur mit Herzblut, als Berufener leisten.

Fit für die Zukunft – die Ausbildung im Wandel

Wir schreiben das Jahr 2025. Die Kirche steht vor gewaltigen Herausforderungen: Globalisierung, fortschreitende Digitalisierung, ethische Dilemmata durch künstliche Intelligenz und Biotechnologie – und nicht zuletzt ein dramatischer Rückgang sowohl der Mitgliederzahlen als auch der Priesterberufe. Um diesen Entwicklungen wirksam zu begegnen, braucht es eine tiefgreifende Erneuerung. Und wo sollte diese beginnen, wenn nicht bei der Priesterausbildung?

Eine Ausbildung, die die Kirche zukunftsfähig macht und sie geistlich wie ethisch auf der Höhe der Zeit hält, muss sich an den Herausforderungen unserer Gegenwart orientieren und gleichzeitig die Zukunft im Blick haben. Sie sollte insbesondere folgende Schwerpunkte setzen:

  • Interdisziplinäre, beschränkt auch interkonfessionelle theologische Bildung.
  • Spirituelle Vielfalt in der Praxis
  • Leitung in demokratischen und partizipativen Strukturen
  • Praxisnahe und flexible Lernmodelle in geteilter Ausbildung
  • Integration von Frauen und neuen Berufsbildern

Künftige Priester müssen sich in der Welt künstlicher Intelligenz, digitaler Transformation und bioethischer Herausforderungen sicher bewegen können. Der „Blick über den Tellerrand“ ist in der künftigen Gesellschaft wichtiger denn je. Daher müssen Priester zumindest über Basiskenntnisse interkonfessioneller Theologie verfügen.

Gleichzeitig muss die Ausbildung eine tiefere spirituelle Dimension erhalten. Neben traditionellen Glaubensformen sollte sie verstärkt meditative Praktiken, Mystik, den interreligiösen Dialog, ja und digitale Seelsorge einbeziehen. Die Kirche wird sich noch stärker in eine pluralistische Gesellschaft einfügen müssen, in der spirituelle Suchbewegungen über konfessionelle Grenzen hinweg verlaufen. Der Trend zu mystischen Strömungen, auch innerhalb des Christentums, dürfte sich weiter verstärken.

Natürlich kann nicht alles zusätzlich zum klassischen Theologiestudium hinzukommen. Das Studium muss aber auf künftige Aufgaben vorbereiten. Ist dies möglicherweise durch eine Dreiteilung der Ausbildung zu erreichen? So könnten die stark gekürzten theologischen Inhalte auf das Grundstudium reduziert werden. Je nach Neigung und künftigem Arbeitsfeld kann der Seminarist dann wählen zwischen stärkerer Spezialisierung auf einzelne Gebiete oder als „Allround-Pfarrer“ in einem speziell zugeschnittenen Aufbaustudium. Dazwischen sollte dem künftigen Seelsorger bzw. Lehrtheologen in einem praktischen Jahr klar werden, welches Aufbaustudium er wählt.

Der dritte Teil der Ausbildung wäre dann berufsbegleitend in einzelnen Seminaren denkbar. Hier ginge es um praxisbezogene Vertiefung einzelner Themen. Traditionelle Seminare werden durch dezentrale Ausbildungswege ergänzt oder ersetzt. E-Learning, Mentorenprogramme und internationale Austauschformate ermöglichen eine flexiblere und vielseitigere Ausbildung, die den Bedürfnissen künftiger Geistlicher besser entspricht. Aber auch ehrenamtliche Gemeindemitglieder könnten sich in solchen Seminaren weiterbilden und so die Hauptamtlichen entlasten.

Auch eine verstärkte Zusammenarbeit mit Universitäten, NGOs und ethischen „Denkfabriken“ darf Bestandteil des Curriculums sein. Darüber hinaus sollten regelmäßige Weiterbildungen während des gesamten Berufslebens selbstverständlich sein.

Neue Rollenbilder: fachlich, vielfältig, gemeinsam

Die heutige hierarchische Struktur der Kirche stößt zunehmend auf Widerstand. Eine grundlegende Erneuerung setzt voraus, dass künftige Priester nicht nur geistliche Begleiter, sondern auch Vermittler und Organisatoren in demokratischen Entscheidungsprozessen sind. Die Ausbildung sollte deshalb Modelle demokratischer Kirchenführung beinhalten, die Laien in hohem Maße einbinden. Dies erfordert ein neues Selbstverständnis des Priesteramtes: eines, das auf Augenhöhe mit der Gemeinde und den Kolleg/-innen agiert. Oder die Leitung kann auch von einem qualifizierten Gemeindemanager übernommen werden.

Der klassische, allumfassende Pfarrberuf wandelt sich. Anstelle einer einzelnen „Allzuständigkeit“ wird zunehmend ein professionelles Miteinander im Team treten, das sich an Fachkompetenz und Charismen orientiert. Die Aufgaben sollten künftig nicht mehr automatisch bestimmten Berufsgruppen vorbehalten sein – wie etwa ausschließlich Priestern oder Gemeindereferentinnen. Stattdessen sollte flexibel und bedarfsorientiert entschieden werden, welche beruflichen Profile und Fähigkeiten für eine bestimmte Aufgabe am besten geeignet sind.

Dieser Perspektivwechsel eröffnet neue Chancen. Individuelle Begabungen werden sichtbar und nutzbar – im haupt- wie im ehrenamtlichen Bereich. Das stärkt die Motivation, hebt die Qualität der Arbeit und steigert die Berufszufriedenheit. Wer nicht ständig unspezifische, auch fachfremde Anforderungen erfüllen muss, kann sich besser auf seine eigentliche Berufung konzentrieren. Die oft widersprüchlichen Anforderungen kirchlicher Arbeit – zwischen Seelsorge, Verwaltung, Liturgie und Organisation – werden so auf mehrere Schultern verteilt. Diese Entwicklung führt zu einer Differenzierung kirchlicher Berufsprofile. Neben Priestern und Gemeindereferent/-innen können neue Rollen treten:

Gemeindepädagog/-innen, die gezielt Ehrenamtliche begleiten und Öffentlichkeitsarbeit gestalten. Dazu gehört auch die Betreuung auf Social-Media-Plattformen.
Gemeindemanager/-innen, die sich um Verwaltungs- und Organisationsaufgaben kümmern und die Gemeinde mit neuen Ideen erreichen.

Diese Rollen stehen in einem kooperativen Miteinander. Der Priester übernimmt darin eine geistliche Rolle, nicht zwingend eine leitende Funktion, sondern bringt seine spirituelle Kompetenz ins Team ein – genauso wie andere ihre je eigene Expertise. Die Leitung wird geteilt, Aufgaben gemeinsam verantwortet. Übergeordnete Stellen, etwa aus dem Pastoralbüro oder der Bistumsleitung, können moderierend und unterstützend eingreifen – nicht steuernd, sondern ermöglichend.

Ein neues Kirchenbild

Dieses Modell entspricht einem synodalen Kirchenverständnis: Die Vielfalt der Charismen wird zum Leitprinzip. Die Kirche wird ein Ort, an dem Menschen mit ihren Gaben Verantwortung übernehmen – haupt- wie ehrenamtlich, geweiht oder nicht geweiht. Damit verbunden ist ein Kulturwandel, der Teamfähigkeit, gegenseitige Wertschätzung und den Mut zum Experiment voraussetzt.

Auch die Attraktivität kirchlicher Berufe könnte dadurch wieder steigen: Wer erlebt, dass seine Talente gefragt sind und dass Verantwortung gemeinsam getragen wird, fühlt sich ernst genommen und gebraucht. Die oft beklagte Überlastung und Vereinzelung im pastoralen Dienst kann so spürbar verringert werden. Größer werdende pastorale Räume begünstigen diese Möglichkeit.

Die Zukunft der Pfarrberufe muss also für Kooperation statt Hierarchie stehen, für Kompetenz statt Klerikalismus, für Charisma statt Pflichtgefühl. Es geht nicht um einen Verlust traditioneller Ämter – sondern um einen Gewinn an Vielfalt, Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit. Nur gemeinsam kann dieser Wandel gelingen.

Eine wirklich erneuerte Kirche für das 21. Jahrhundert kann sich auch der vollen Gleichberechtigung von Frauen im Priesteramt und dem Verzicht auf den Zölibat nicht mehr entziehen.

Wenn Verantwortliche aller Hierarchieebenen diese Entwicklungen mittragen, ist echte Gemeinschaft möglich. Dann lasst uns mehr Demokratie wagen.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert