Klerikalismus: Das Gift lähmt die Kirche

„Klerikalismus ist eine Perversion des Evangeliums“ – Papst Franziskus

Der Klerikalismus in der katholischen Kirche hat tiefe historische, theologische und institutionelle Wurzeln. Seine praktischen Auswirkungen reichen von einem Machtungleichgewicht und geringer Laienbeteiligung bis hin zu mangelnder Transparenz und seelsorgerischen Herausforderungen. Ursachen und Wirkungen sind auch den Kirchenführern hinlänglich bekannt. Dennoch fehlt es an konkreten Gegenmaßnahmen. Für mich ist die Erklärung einfach: Klerikalismus ist intern nur schwer zu überwinden, wenn diejenigen, die ihn mittragen, zugleich auch Mitverantwortliche für Veränderungen sind. Oder kurz und deutlich: Klerikalismus schafft sich nur schwer durch Kleriker ab.

Mögliche Ursachen des Klerikalismus

Die Botschaft Jesu von Nazareth war schlicht und zugleich von großer innerer Kraft. Er sprach sowohl Herz als auch Verstand an. Zeremonien, Rituale und religiöse Inszenierung standen bei ihm nicht im Mittelpunkt. Stattdessen ging es ihm um gelebte Nächstenliebe, um selbstloses Dienen und eine tiefe Beziehung zu Gott. Im Kontrast dazu standen viele der damaligen Schriftgelehrten, Theologen und Intellektuellen, die ihr Wissen, ihre Redekunst und ihren Einfluss in Teilen auch dazu nutzten, gesellschaftliche oder religiöse Positionen zu festigen. Sie waren es, die sich Jesus entschieden entgegenstellten. Standen die christlichen Lenker auf der Seite Jesu und wo stehen sie heute? Sind die Entwicklungen der letzten zwei Jahrtausende, die aktuellen Strukturen und Lehren mit dem ursprünglichen Geist Jesu zu vereinbaren? Die aufrichtige Antwort auf diese Frage sollte den Weg in die Zukunft zeigen.

Die Kirche erlangte im Laufe der Jahrhunderte immense politische und gesellschaftliche Macht, was zu einer Hierarchisierung führte, bei der der Klerus als herrschende Klasse betrachtet wurde. In vielen Teilen Europas war die Kirche auch eng mit dem Feudalsystem verbunden, wobei Kleriker oft Landbesitzer und politische Machthaber waren. Der katholische Apparat ist heute stark hierarchisch organisiert, was eine Machtkonzentration in den oberen Rängen der Führung zur Folge hat.

Die Überzeugung, dass Priester eine besondere sakramentale Macht besitzen, sitzt tief in den Köpfen sowohl der Priester als auch vieler Laien. Diese Wahrnehmung führt zu einer künstlichen, unnötigen und nur schwer überwindbaren Kluft zwischen Klerus und Laien. Die Verpflichtung zum Zölibat und die Weihe zum Priester verstärkt diesen Graben. Die Priesteramtskandidaten wurden schon viel zu lange während der Ausbildung darin bestärkt, durch Berufung und Weihe Gott näher zu stehen als die Laien.

Traditionen haben nur einen Sinn, wenn sie positiv auf die Gegenwart, im besten Fall auch auf die Zukunft wirken. Die urchristlichen Gemeinden hielten sich an die Tradition im Geiste Jesu. So gab es zu Zeiten Jesu weder hierarchische Strukturen noch Priester- oder Bischofsweihen. Die heutige Vorstellung eines herausgehobenen Klerus lässt sich schwerlich mit dem einfachen, dienenden Vorbild Jesu Christi in Einklang bringen. Es sind also „hausgemachte“ Traditionen, auf die sich die Glaubensführer berufen, wenn sie sich überfälligen Reformen verweigern.
Viele traditionell männlich geprägte Gemeinschaften – etwa Freimaurerlogen oder Rockerclubs – folgen einem vertrauten Muster: formalisierte Aufnahmen, klare Hierarchien, ein starker Zusammenhalt, gepflegte Rituale und ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Abgrenzung. Der Zugang ist meist exklusiv, Transparenz bleibt begrenzt, und der Erhalt von Einfluss spielt eine zentrale Rolle. Wer sich nicht einfügt, wird selten mit offenen Armen empfangen.
Auch in Teilen der katholischen Kurie lassen sich solche Merkmale beobachten, was jedoch nicht bedeutet, dass ich sie mit Rockerclubs gleichsetze. Das wirft aber Fragen auf: Wie offen ist unsere Kirche wirklich? In welchem Maß dienen ihre Formen der Verkündigung des Evangeliums – und wo stehen sie ihr im Weg? Gerade im Licht reformatorischer Bewegungen bleibt die Hoffnung lebendig, dass Kirche sich erneuern kann – durch mehr Transparenz, Teilhabe, geistliche Tiefe und in allen Bereichen durch gelebtes Vorbild.

Die Gläubigen müssen selbst ihre Sicht auf die Überhöhung der Kleriker hinterfragen. Ohne Klerikalismus der Laien gäbe es diesen nicht! Noch vor 50 Jahren war Kritik an der Kirche und an Priestern anstößig und galt als unanständig. So ist es zu erklären, dass Missbrauchsbetroffenen zu oft nicht geglaubt wurde – teils mit schwerwiegenden Folgen.
Die Hochstilisierung des geweihten Priesters oder Bischofs wurzelt in der Vorstellung, der Priester sei der Mittler zu Gott. So werden dem Priester Wünsche und Sehnsüchte als Fürsprecher aufgebürdet und dieser Rolle kann er sich nur schwer entziehen.

Mir steckt noch ein Erlebnis als Kind im Kopf: Ein afrikanischer Bischof verbrachte jedes Jahr seinen Urlaub bei einem Onkel. Der Bischof besuchte meine Großeltern und dazu wurde die gesamte Verwandtschaft eingeladen. Es war selbstverständlich, ihm den Ring zu küssen. Die Erwachsenen machten es vor, dann waren die Kinder an der Reihe. Ich war etwa sechs oder sieben Jahre alt und mir widerstrebte diese Küsserei. Als ich an der Reihe war, gab ich dem Bischof brav die Hand und machte einen extra tiefen Diener in der Hoffnung, das möge genügen. Meine Eltern und Großeltern ließen das aber nicht durchgehen und bedrängten mich, den Ring zu küssen. Ich konnte das einfach nicht, obwohl ich unter großem Druck stand. Natürlich konnte ich das damals nicht erklären. Heute kann ich es auch nicht, denn normalerweise tut ein Kind das, was es von seinen Vorbildern abschaut. Ich schämte mich damals furchtbar, weil selbst die jüngeren Cousins gehorchten und ich wieder „böse“ war. Und die Eltern schämten sich für ihren widerspenstigen Sohn…
Das ist jetzt 65 Jahre her, aber nach meinem Eindruck hat sich in manchen konservativen Milieus wenig verändert. Der Sinn des Ringküssens leuchtet mir übrigens trotz kirchlicher Erklärung bis heute nicht ein.
Es ist höchste Zeit, den Geistlichen respektvoll, aber auf Augenhöhe zu begegnen. Denn nur, wenn wir uns ihnen ebenbürtig wissen, können wir unseren Teil zur Erneuerung der Kirche in eigener Verantwortung beitragen.

Auswirkungen des Klerikalismus

Bischöfe sind nur dem Papst gegenüber direkt rechenschaftspflichtig. Das führt zu einem wahrgenommenen Machtgefälle, weil sie für das Volk beinahe unangreifbar sind. Das zeigt der „Fall Woelki“. Die Stimme der Gläubigen zählt kaum. Sie haben ja keine Ahnung von Gott, von Jesus und von den Sorgen der Hirten. Liegt es nicht in der Natur der Macht, dass sie nicht in der Lage ist, sich selbst zu kontrollieren oder gar zu zügeln?

Die Priester in den Gemeinden wiederum müssen sich nur dem Bischof gegenüber rechtfertigen. Weil die Priester ihm weisungsgebunden sind, bestimmt im Grunde der Bischof die Marschrichtung. So haben die Gemeinden selbst nur sehr begrenzten Einfluss auf ihre Entwicklung. Die bestehende sakrale Struktur erschwert mitunter eine gleichberechtigte Beteiligung von Laien an kirchlicher Mitgestaltung. Dies ändert sich zwar gegenwärtig, aber nach meinem Eindruck nicht aus Überzeugung, sondern aus der Not heraus, dass Laien wegen des Priestermangels stärker eingebunden werden müssen.

Konkrete Kritikpunkte und mögliche Ansätze

Passivität der Laien und mangelnde Anerkennung: Klerikalismus führt zu einer passiven Haltung der Laien, da sie sich weitgehend machtlos fühlen. Viel zu wenig werden die Aktivitäten, Ideen und Leistungen der Laien gewürdigt und noch niedriger werden ihre Fähigkeiten (auch als Priester/-innen) bewertet.
Autoritätsmissbrauch: In einigen Fällen hat dies zu Missbrauch von Macht und Autorität geführt, unter anderem wegen mangelnder Rechenschaftspflicht. Die Betonung der Autorität des Klerus kann auch zu einer Ungleichbehandlung innerhalb der Gemeinde führen, wobei bestimmte Gruppen bevorzugt und andere marginalisiert werden.
• Dominanz des Klerus: Priester und Bischöfe haben eine übermäßige Kontrolle über die Entscheidungsprozesse in der Gemeinde, was zu Widerstand gegen Veränderungen führt.
• Distanzierung: Das überhöhte Selbstverständnis mancher Priester führt zu einer Entfremdung von den Gemeindemitgliedern. Wenn sich Priester und Volk auf unterschiedlichen Ebenen fühlen, kann keine noch so frohe Botschaft ankommen.
• Geheimhaltung und Vertrauensverlust: Entscheidungen und Informationen werden häufig innerhalb des Klerus geheim gehalten. Die mangelnde Transparenz untergräbt das Vertrauen der Gläubigen in ihre Gemeindeleiter und schädigt die Glaubwürdigkeit der Kirche insgesamt.

Aufklärung tut Not! Gegenseitiger Respekt ist die Grundlage für ein gelingendes Miteinander. Die übertriebene Ehrfurcht vor Geistlichen steht dem gemeinsamen Weg entgegen. Laienklerikalismus ging in den letzten Jahrzehnten nur in aufgeklärten, selbstbewussten Bevölkerungskreisen langsam zurück. Wenn Priester etwas bewegen wollen, sind sie gefordert, zunächst die tiefe Kluft in den Köpfen der Gläubigen zu verringern. Das ist jedoch auch für sie schwierig, weil sich viele Gläubige selbst dagegen wehren. Vielleicht hat das damit zu tun, dass es einfacher ist, dem Priester göttliche Fürsprache aufzubürden, statt selbst Verantwortung zu übernehmen. Es ist also ein langer und mühsamer Prozess, der manchen Gläubigen wie auch Priestern bevorsteht.
Heute müssen Priester überzeugen und das ist weitaus schwieriger, als „Kraft Amtes“ zu regieren. Nach meiner Beobachtung gelingt das nur wenigen, weil nicht alle ihr Rollenverständnis dahingehend korrigieren, dass es stärker auf Augenhöhe mit der Gemeinde angelegt ist. Dies scheint in manchen Fällen bei höheren kirchlichen Amtsträgern besonders herausfordernd. Die innerkirchlichen Konflikte – auch zwischen hochrangigen Kirchenvertretern im Vatikan – zeigen, wie kontrovers der Kurs des Papstes teilweise aufgenommen wird, der dem Klerikalismus den Kampf angesagt hat.

Wahre Priester

Ich habe meine eigene Vorstellung von einem vorbildlichen Priestertum: Priester/-innen müssen nicht nur im Glauben begeistert sein und sich berufen fühlen, ihre Begeisterung weiterzutragen. Von einem Geistlichen erwarte ich auch eine vorbildliche Lebensführung, Offenheit, Aufrichtigkeit und Toleranz gegenüber andersdenkenden Mitmenschen. Priester/-innen müssen Vorgaben, Gebete und Rituale kritisch überprüfen und Mut zu eigenem Denken und Handeln mitbringen. Die Einstellung zum Mitmenschen ist jedoch das wichtigste Kriterium für einen Seelsorger: Er/Sie muss wahrhaft partnerschaftlich, also auf gleicher Ebene mit der Gemeinde kommunizieren, um überzeugend zu sein. Das alles ist viel wichtiger als eine Weihe. Die gibt es in der evangelischen Kirche nicht; die Priester/-innen werden schlicht gesendet und siehe, auch den evangelischen Christen steht das Himmelreich offen – vermute ich stark.

Es gibt sie, diese Avantgardisten, für die Klerikalismus eine Sünde ist! Es geht ihnen nicht um Frömmelei und süße Worte, sondern um Unterstützung der Menschen im Alltag. Sie ermuntern und motivieren die Gläubigen zu kritischem Denken und Reflexion – immer und überall. Vielfach werden diese wahren Priester von ihren Kollegen als Populisten diffamiert oder ausgegrenzt – besonders, wenn sie unbequeme Fragen stellen oder etablierte Muster hinterfragen. Wie lange wird es noch dauern, bis der Stachel des Klerikalismus gezogen ist?

 

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