Gottvertrauen

Gottvertrauen

Wenn Kirchen vom Glauben sprechen, betonen sie oft ihre Glaubenssätze und Dogmen. Manche Gläubige empfinden diese als einengend oder fremdbestimmt. Die Seele sollte unser Kompass sein, ihr dürfen wir vertrauen. Allerdings verringert sich dann möglicherweise der Einfluss der Institution auf den Einzelnen. Deshalb ist es geboten, die Kirchenlehre auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Tiefer Glaube braucht keine auferlegten Regeln von außen. Die Regeln ergeben sich aus dem Glauben und der kann nur aus Gottvertrauen erwachsen. Ist beides nicht sogar das Gleiche? Ist es möglich, ohne Vertrauen zu glauben und was wäre solch ein Glaube wert? Hilft uns der Glaube an eine höhere Macht überhaupt?

Glaubensschule Erfahrung

Mein Glaube basiert auf Gottvertrauen und das wiederum speist sich aus meiner Erfahrung. Da liegt es doch nahe, die Erfahrung von und mit Gott zu stärken. Darin sehe ich die wichtigste seelsorgerische Aufgabe, denn über die Erfahrung gewinnen wir Vertrauen. Entscheidend ist jedoch, dass wir aus unserer Erfahrung lernen, auch im Lichte von Dankbarkeit und Demut die richtigen Schlüsse ziehen. Der Glaube ergibt sich dann von selbst, ohne Mühe, ohne Kraft und ohne Gebet.
Ich beobachte jedoch, dass der Glaube, wie er in manchen kirchlichen Kontexten vermittelt wird, für viele Menschen in Krisenzeiten nicht ausreichend tragfähig erscheint. Und mich überzeugt dieser Glaube auch nicht. Ich kenne Menschen, die alles tun für ihre Kirche, die alles glauben, alles geben, die Dienste übernehmen und innig beten. Das sind Menschen mit großem religiösen Engagement, echte „Hochleistungskatholiken“ – und doch kommen sie ins Wanken, wenn das Leben lebendig wird, wenn es Schwierigkeiten gibt.
In manchen religiösen Praktiken kann der Eindruck entstehen, Glaube und Gebet würden als eine Art spiritueller Tauschhandel verstanden: Eine satte Spende oder ein inbrünstiger Rosenkranz muss reichen für eine gute Ernte, besseres Wetter, schnelle Genesung oder was auch immer. Diese Sicht auf Gott unterstelle ich keinem Priester. Und doch befeuern sie solches Denken unbewusst in Gebeten, Riten und Liedern in Gottesdiensten. Die liturgische Sprache kann an vielen Stellen diesen Eindruck vermitteln. Wir kommen im Kapitel „Glaube ohne Gebet“ noch darauf zurück.

Wenn diese Menschen dann in Berührung mit Katastrophen, Krankheit oder Tod geraten, fragen sie „warum, warum ich – ich bin doch so fromm, warum er, er ist doch so jung, warum lässt Gott überhaupt so viel Unheil zu“? Sind solche Fragen nicht Ausdruck eines Gottesbildes, das eher einer archaischen Vorstellung von göttlicher Belohnung und Bestrafung ähnelt? Das Befolgen der zehn Gebote und der Kirchenlehre oder das Gebet reicht nicht. Auch der Glaube an Paradies, Fegefeuer und ewiges Leben führen mich nicht zu Gott. Da muss es noch etwas Tieferes geben, das umfassender und belastbarer ist.

Das Fundament im Glauben

Echter Glaube ist das absolute Urvertrauen ins Universum, in Gott, in die Schöpfung. Ich glaube, dass in der Natur alles einem höheren Sinn folgt – auch wenn wir ihn nicht immer erkennen können. Alles ist gut! Wenn dieses Vertrauen nicht da ist, dann ist alles andere um unseren Glauben herum Makulatur, Fassade, leer.
Nur mit diesem Urvertrauen, ohne ein „aber“, kann ich getrost die Kontrolle über mein Leben abgeben, zulassen, dass ich eben nicht alles verstehen und kontrollieren kann. Bei mir kann das ohne Gott nicht funktionieren, denn nur im Bewusstsein einer höheren Macht sind die vielen Wunder, die uns täglich begegnen, zu erfassen und zu würdigen. Und nur in diesem Bewusstsein kann ich tiefe Dankbarkeit für die ganze Schöpfung empfinden, für Leben und Tod, für Freud und Leid, für alles, was mir begegnet. Soweit es für mich nicht selbstverständlich geworden ist.

Gerade diese Selbstverständlichkeit ist es aber, die uns die vielen Wunder im Alltag ignorieren lässt. Wir haben uns entfernt von ihnen, von Gott, von uns. Es täte uns gut, uns bewusst zu machen, welch vielfältiges Wunder alleine unser Körper mit seinen genialen Funktionen ist, die bis heute kein Hightech-Gerät schafft. Oder wie genial Ökosysteme auf unserem Planeten ineinandergreifen, wie sich unsere Erde auf wundersame Weise regeneriert, während wir permanent auf sie einprügeln.

Alles gut

Solange wir unserem Leben seinen Lauf lassen, also auf unsere Seele als Sprachrohr Gottes hören – und ihr folgen, ist alles gut. Das ist meine feste Überzeugung und die beruht nicht nur auf einem „Gefühl“. Das ist meine Erfahrung!

Deshalb sollten wir nicht so viel planen, sondern mehr in unser Inneres hören. Alles Weitere liegt in seiner Hand – und es wird gut sein. Was kann mir mit dieser Einstellung zum Leben passieren? Was sollte mir noch Angst einflößen? Das heißt nicht, dass ich nichts mehr tun, mich nicht mehr kümmern muss, im Gegenteil! Gott zeigt mir den Weg und das ist nicht immer der leichteste – gehen muss ich ihn schon selbst. Diese Sichtweise gibt mir Sicherheit. Sie lässt mich Rückschläge ertragen, weil ich weiß, dass alles gut ist, vielleicht sogar zu meinem Besten sein wird. Und wenn der Tod das Beste sein soll? Mit dem Tod kann ich gut leben….

Hören und sehen lernen

Wir sind so sehr auf uns, auf unser Ziel und unsere Wünsche fokussiert, dass wir die Orientierung verlieren. Der Blick verengt sich und wir sehen die vielen genialen Möglichkeiten nicht mehr, die uns das Leben bietet. Möglichkeiten, die viel besser sind als alles, was wir uns ausdenken können.

Um dies zu sehen und unsere innere Stimme zu hören, müssen wir die Stöpsel aus den Ohren nehmen, einen Schritt zurückgehen, einen Gang herunter schalten. Wie wäre es mit einem Perspektivwechsel: Einige Wochen oder Monate einen sozialen Dienst übernehmen, sich aktiv in eine gemeinnützige Organisation einbringen oder auf andere Weise der Gemeinschaft dienen?

Wir müssen zur Ruhe kommen, statt uns ständig durch Medienkonsum und Events vom Wesentlichen ablenken zu lassen. Eine Woche, besser einen Monat alleine in den Bergen wandern, mit dem Segelschiff über den Ozean oder einfach die Stille im Kloster auf sich wirken lassen. Nicht jeder würde das aushalten. Aber es könnte etwas bewirken, uns wecken, zeigen, was im Leben wirklich zählt.

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